Ein absolutes Highlight in meiner musikalischen Erlebniswelt ist Peter Gabriel. Es gibt nur wenige Musiker, die so konsequent Musik über Kulturen und Genres hinweg mit visuellen Stilmitteln und Ideen verbinden.

Dazu ist seine Musik schlichtweg genial, vor allem für uns Schlagzeuger. Selbst ein Rhythmiker, erdet er seine Sounds und Sphären mit Fusion-Grooves und sehr viel percussiven Elementen. Und er ist ein visueller Mensch. Für jene, die ihn oder die Musikgeschichte der 70er nicht so genau kennen, hier ein kurzer Blick zurück:

 

Charterhouse

Peter Gabriel begann seine musikalische Karriere mit der Band Genesis. Genauer gesagt begann sie mit The Garden Wall, eine der beiden konkurrierenden Bands auf der Charterhouse School. Sonst eher ein verschlossener Typ, blühte Gabriel in der Musik förmlich auf. Sein Bandkollege Tony Banks brachte ihn mit Mike Rutherford (aus der Konkurrenzband The Anon) zusammen und zusammen gründeten sie die Band Genesis. Der Name war eine Idee ihres ersten Managers Tony Stratton Smith und verbannte sie zunächst in die religiöse Abteilung der Plattenläden. Dennoch erspielten sie sich schnell einen Ruf als hochkreative Band, was vor allem an Gabriels einzigartigen Melodien lag. Nachdem sie mit Steve Hackett einen kongenialen Gitarristen und mit Phil Collins einen guten (und lampenfieberfreien) Schlagzeuger gefunden hatten, begann der unaufhaltsame Aufstieg der Band.

Peter Gabriels surreale Geschichten, die er in den Pausen zwischen den Stücken erzählte und seine noch surrealeren Kostümideen verschafften der Band schnell einen exzentrischen Ruf (legendär ist bis heute der erste Auftritt in einen Boxring in Dublin, als Gabriel ein rotes Frauenkleid kombiniert mit Fuchsmaske trug) – ihre Qualität als konzertante und musikalisch hochklassige Rockband jedoch brachte ihnen eine treue, vorerst noch eher männliche und stetig wachsende Fangemeinde ein. Auf dem vorläufigen Höhepunkt ihres Schaffens, der Livetour zu ihrem Konzeptalbum „The Lamb lies down on Broadway“ stieg Peter Gabriel für alle überraschend aus der Band aus.

 

Walking out of the machinery

Gründe dafür hatte er viele: Seine Ehe kriselte angesichts des übergroßen Drucks auf die Band, dazu glaubte er, dass der Stil der Band angesichts des Erfolgs zunehmend in erfolgsorientierte Musik abzugleiten drohte. Ähnlich wie die Message von Pink Floyd in Welcome to the Machine sah auch er voraus, dass die Kreativität der 70er von Kommerz und Geldgier erstickt werden würde und vor allem Bands wie Genesis vor die Entscheidung stellen würde, Kunst zu machen oder Geld zu verdienen. Vor allem mit letzterem sollte er Recht behalten.

Der Privatmann Peter Gabriel begann sich mit afrikanischer Kultur und Politik zu beschäftigen. Beides prägt seine Musik bis heute: Seine Alben werden von Musikern aus aller Welt und vor allem aus Afrika bereichert, seine Marken Real World (Sein Weltmusik-Plattenlabel) und WOMAD (World of Music, Art & Dance) ebneten den Weg für eine erfolgreiche und faire Vermarktung von Künstlern aus der dritten Welt, jenseits der von MTV und medialen Großkonzernen dominierten Musikindustrie.

Während Genesis mit A Trick of the Tail und Wind & Wuthering zunächst noch wundervolle  Post-Gabriel Alben produzierten (bevor sie sie endgültig zur Mainstream-Rock-Variante von Phil Collins‘ Solokarriere mutierten, experimentierte Peter Gabriel mit Klangwelten. Inspiriert und unterstützt von Künstlern, wie Brian Eno und Robert Fripp waren Gabriels erste Soloalben ein Ausflug in unbekannte akustische (und psychische) Sphären.

 

World Music

Erst sein Engagement für WOMAD, das ihn an den Rand des finanziellen Ruins brachte, ließ ihn etwas umdenken. Nun hielten linearere Strukturen und Melodien Einzug in sein musikalisches Schaffen. Mit SO veröffentlichte Peter Gabriel schließlich jenes Album, das einen scheinbar mühelosen musikalischen Brückenschlag zwischen Gabriels eher progressiver Ader und tanzbaren, groovigen Rhythmen darstellte. Das Video Sledgehammer und seine bis heute unerreichte Animationskunst verhalfen der Firma Aardman (Wallace & Gromit) zum Durchbruch. Bis heute hat Peter Gabriel diesen Stil beibehalten: Eindringliche Harmonien, afrikanische Rhythmen und musikalische Perfektion, gepaart mit visuelen Ideen, die vor allem seine Bühnenshows nach wie vor ausreichen. Das diesbezügliche Highlight ist seine Secret World Tournee, in der, zwischen zwei Bühnen rochierend, Musik und Optik auf unerreichte Weise verschmelzen liess,

Inzwischen etwas betagter, gab Peter Gabriel schließlich dem Drängen seiner Fans nach und startete die 25th Anniversary Tour seines Erfolgsalbums SO. Anders als viele seiner Kollegen wurde dieses Album nicht einfach nur neu gemastert, sondern mit dem Live-Mitschnitt seines atemberaubenden Konzerts in Athen 1986 komplettiert. SO DNA, ein weiteres Juwel, beschenkte die Fans mit einer bislang einzigartigen Idee: Für jeden Song des Albums erstellte das Team um Gabriel eine Zusammenstellung von Demoversionen der Songs in unterschiedlichen Stadien. Noch nie hat man die Entstehung eines Songs und Albums so hautnah direkt und roh miterleben dürfen.

 

So gets 25

Die Tour zu diesem Geburtstag des Albums gestaltete sich ähnlich. Das Konzert teilte sich in drei Teile: Der Begin (mit angeschaltetem Saallicht) bestand aus einfach instrumentierten Stücken, erst nach und nach erschienen die Musiker und bauten Klang und Dynamik stetig aus. Im zweiten Teil wurde der Stil zunehmend intensiver, bis schließlich die Lichter ausgingen und die Band regelrecht explodierte. Der letzte Teil, das Dessert, wie Gabriel es nannte, war das komplette Album SO.

Meine Frau und ich hatten das Glück, dieses Konzert in München zu erleben – die alte Olympiahalle war ein würdevoller und musikgeschichtsträchtiger Rahmen für ein Happening, das allen alten (und neuen) Fans dieses Künstlers lange in Erinnerung bleiben wird.