Hollywood Vintag meets AI

Ein KI-Startup aus Hollywoods Maschinenraum

Hollywood liebt große Visionen und große Mythen. Der größte Mythos der letzten zwei Jahre lautet: Künstliche Intelligenz wird Filme schreiben. Regie führen. Schauspieler ersetzen. Wirklich? Ein Blick auf den neuesten Deal von Ben Affleck und Netflix liefert eine deutlich nüchternere Antwort.

Netflix hat das KI-Unternehmen InterPositive übernommen. Gegründet 2022 von Affleck in Los Angeles, ohne PR-Feuerwerk, vor allem keine Tech-Hysterie – 16 Mitarbeiter. Ingenieure, Forscher, Kreative. Und eine Idee, die erstaunlich pragmatisch ist: AI als Werkzeug zu nutzen.

Affleck wird im Zuge des Deals Senior Advisor bei Netflix. Der Kaufpreis bleibt geheim. Das Interessante an diesem Move ist jedoch nicht ausschließlich der Deal, sondern die Technologie.

AI

KI, die nicht träumt, sondern arbeitet

Die meisten aktuellen KI-Videomodelle funktionieren nach dem gleichen Prinzip: Man schreibt einen Prompt und die Maschine erfindet Bilder aus dem Nichts. Klingt spektakulär, ist im echten Produktionsalltag jedoch oft eher nutzlos.

InterPositive geht einen anderen Weg: Das System trainiert mit dem realen Material einer laufenden Produktion – mit der täglich gedrehten Footage. Aus diesem Material entsteht ein spezifisches KI-Modell für genau diesen Film oder diese Serie. Und dieses Modell hilft später in der Postproduktion, bzw. es definiert sie nicht nur arbeitstechnisch neu, sie verändert Kosten und damit die gesamte Produktion.

Und dies tut sie nicht als Autor oder Regisseur, sondern als Werkzeug.

AI IST EIN TOOL

Die unsichtbaren Probleme einer Filmproduktion

Filme entstehen selten so perfekt, wie sie am Ende aussehen. Eine Einstellung fehlt, ein Licht stimmt nicht, ein Stunt-Draht ist sichtbar, der Bildausschnitt passt nicht, etcpp.

All das kostet normalerweise Zeit und vor allem sehr viel Geld. Hier setzt InterPositive an. Die Technologie kann fehlende Einstellungen ersetzen, Beleuchtung und Blenden korrigieren, Shots neu rahmen, Stunt-Drähte entfernen und Hintergründe optimieren. Und weitaus mehr, aber dies sind die entscheidenden (Post/Re-)Produktions-Workflows. Alles Aufgaben, die bislang enorme Ressourcen verschlingen. Mit anderen Worten: Die KI erfindet keinen Film – sie repariert ihn.

Affleck beobachtete den Aufstieg der KI bereits 2022 und stellte sich – aus seiner Erfahrung als Schauspieler und vor allem als Regisseur – eine simple Frage: Warum bauen wir Systeme, die Geschichten schreiben sollen, statt solche, die Filmemachern helfen? Die Antwort wurde InterPositive.

Ein Werkzeugkasten für die Postproduktion. Gebaut von Filmemachern für Filmemacher.

AI

Die AI-Hysterie: Wir sind die Roboter

Vor kurzem ging ein AI Film viral – mit einem Kampf zwischen Mega-Superduper-Stars Brad Pitt und Tom Cruise, die sich im Film tatsächlich nur einmal und das ohne jegliche Action begegnet sind:

Die Branche erbebt und mit ihr die agitierte Social-Media Schafsherde, das Ende der Schauspielerei und der Filmproduktion. Die Antwort ist so einfach wie unspektakulär: Diese These ist genauso hirnverbrannt wie reines KI-Marketing. Dort treiben KI-Bots Werbung und inzwischen stellt man fest, dass auf der anderen Seite KI-Bots einkaufen. Werbeagenturen  stehen zusammen mit den Konsumenten vor der Tür und schauen zu. CEOs warnen vor der Zerstörung aller Desk-und Computerjobs. Die Kernfrage aber ist: Wer verdient all das Geld, wählt Produkte, kauft ein und entscheidet sich um, wenn die Qualität nicht passt? Wer finanziert per Konsum diese schöne neue AI-Welt, die den Menschen nicht mehr braucht?

NETFLIX goes AI

Netflix und die stille KI-Strategie

Der Deal passt zu einer größeren Strategie: Netflix nutzt generative KI bereits für Spezialeffekte in Eigenproduktionen. Parallel baut das Unternehmen eigene Systeme wie Eyeline auf. Die Idee dahinter ist erstaunlich unspektakulär: Technologie soll Kreative unterstützen, nicht ersetzen. Eine Haltung, die in Hollywood gerade wie auch im Rest der Welt arbeitstechnisch heiss – und falsch – diskutiert wird, vor allem aber durch die Intervention des Trump-Regimes hochpolitisch ist.

Aber: Von der Umwandlung des Warner-Konzerns in einen FoxNews-artigen Propagandakanal abgesehen, verhandelt die Branche nach wie vor über Arbeitsverträge, der Streitpunkt dabei immer wieder: KI. Nach den Streiks von 2023 schauen Gewerkschaften sehr genau auf diese richtungweisende Diskussion.

Interessant bei all dem ist vor allem der Zeitpunkt. Netflix hatte zuvor über eine Übernahme von Warner Bros. Discovery nachgedacht, der Plan ist inzwischen vom Tisch.Stattdessen ein kleinerer, relativ unscheinbarer Deal – strategisch jedoch weitaus klüger: Während andere Konzerne Milliarden für Medienimperien bieten, investiert Netflix in das Fundament der Filmproduktion. In die Werkzeuge. Und die Finanzierung all dessen.

NETFLIX STELLT SICH AUF

Die eigentliche Frage: Kann KI Filme schreiben?

Vielleicht irgendwann – wenn eine neuronales Netzwerk nicht nur Ja und Nein in Hochgeschwindigkeit abwägen kann wie heute. Später, wenn es das Grau, Vielleicht und das Bauchgefühl gelernt hat. Indem es sich Abertausende brillante Werke von Menschen einverleibt und das Thema Bauchentscheidung durchdrungen hat. Dann – vielleicht.

Bis dahin, das heißt auf absehbare Zeit, bedeutet der Affleck-Deal etwas ganz anderes. Er beschäftigt sich mit und baut die wirklich interessante KI. Nicht die, die Hollywood ersetzt. Sondern die, die Hollywood effizienter macht. Weniger Kosten, mehr Möglichkeiten. Und: Immer noch Menschen am Steuer.

AI IST EIN TOOL, NICHT DAS ARMAGEDDON

Schöne neue Welt – wirklich?

Immer noch keine rosigen Aussichten im KI-Wahn, aber die Chancen stehen jetzt besser. Der Netflix Move im hochpolitischen Streit um die Warner-Übernahme ist ein Paradebeispiel vorausschauenden strategischen Denkens. Das Unternehmen hat sich aus einem Bieterkrieg (den es ohnehin verloren hätte) verabschiedet und im Hintergrund einen Deal abgeschlossen, der nicht nur das zukünftige Trump-Propaganda Tool Warner, sondern die Hollywood Filmproduktion in ihren Grundfesten erschüttern wird

Wenn – und das ist entscheidend – Affleck das als Tool und Werkzeug sieht, werden klassische Jobs nicht ersetzt, sondern verbessert und Produktionen billiger. So lange Menschen Kreation und Strategie planen, kommentieren und final abrunden, ist das keine AI, sondern Arbeiten mit AI-Tools: So wie es sein sollte und endlich – hoffentlich – ein Beispiel, was AI ohne den schwachsinnigen Hype tatsächlich tun kann: Komplexe und teuere Produktion verbilligen – was wirklich jeden Konsumenten freuen sollte.

Dass WarnerBros als designierter Trump-Volksempfänger strategisch mittel- bis langfristig in die Röhre guckt, ist das Sahnehäubchen auf dieser zunächst wirklich positiven Entwicklung.